Die neue Liszt-Gesamtausgabe
Liszt’ sämtliche musikalische Werke wurden erstmals von der Franz-Liszt-Stiftung veröffentlicht, die 1887 auf Initiative von Carl Alexander, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, gegründet worden war. Mit den 34 Bänden von Musikalische Werke Franz Liszts, die zwischen 1907 und 1936 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen, wurde ein Drittel des Œuvres des Komponisten in einer qualitätsvollen Ausgabe zugänglich.
Die Neue Gesamtausgabe der Werke von Ferenc Liszt (NLE) wurde 1970 von Editio Musica Budapest ins Leben gerufen. Die Ungarische Akademie der Wissenschaften beauftragte Zoltán Gárdonyi mit der Vorbereitung der neuen Ausgabe, und er schlug eine kritische Gesamtausgabe vor, die unter Berücksichtigung der Anforderungen der Musikwissenschaft und der musikalischen Praxis das gesamte Œuvre umfassen sollte. Dadurch wurde es notwendig, Werke neu zu veröffentlichen, die bereits als Teil der alten Gesamtausgabe erschienen waren. Die Neue Liszt-Ausgabe umfasst zehn nach Gattungen gegliederte Serien sowie eine 2005 begonnene Reihe von Ergänzungsbänden:
I Werke für Klavier solo
II Freie Bearbeitungen und Transkriptionen für Klavier solo
III Werke und Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen und zwei Klaviere
IV Werke und Bearbeitungen für mehrere Instrumente
V Werke und Bearbeitungen für Orgel sowie für Orgel mit anderen Instrumenten
VI Orchesterwerke
VII Werke für Klavier und Orchester
VIII Vokalwerke mit Klavier
IX Vokalwerke mit Orchester oder mehreren Instrumenten
X A-cappella-Chorwerke
Ergänzungsbände
Serie I wurde von 1970 bis 1973 von Zoltán Gárdonyi und István Szelényi (Bände 1–4), von 1973 bis 1985 von Imre Mező und Imre Sulyok (Bände 6–18) sowie von Antal Boronkay (Band 5) herausgegeben. In dieser Serie wurde mit wenigen Ausnahmen nur die letzte authentische Fassung der Werke („Fassung letzer Hand“) veröffentlicht. Dank der Quellenforschung brachte die Serie jedoch 41 bisher unbekannte, handschriftlich überlieferte Klavierstücke ans Licht, darunter Originalwerke und Transkriptionen oder frühere Fassungen bereits bekannter Werke. Die endgültige Fassung von Liszts musikalischen Werken vermittelt kein authentisches und umfassendes Bild seines Œuvres, denn eines der hervorstechendsten Merkmale von Liszts schöpferischem Charakter war seine Neigung, unterschiedliche Fassungen zu schaffen. Als die Quellenforschung fortschritt, wurde gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zudem deutlich, dass die letzte Fassung eines Werks eine frühere Fassung nicht notwendigerweise ungültig macht: Ein Werk kann mehrere gültige Fassungen haben. Mit anderen Worten: Die verschiedenen Gestalten eines Werks stellen nicht immer eine gerade Linie seiner Entwicklungsstadien dar, sondern können als alternative Lösungen verstanden werden.
Daher ist leicht zu erkennen, dass die Hauptschwierigkeit bei der Vorbereitung einer Ausgabe von Liszts Gesamtwerk in der Notwendigkeit liegt, eine große Zahl von Fassungen zu veröffentlichen und ihre gegenseitigen Beziehungen zu klären. Der erste Schritt zu einer Lösung war die unter der Leitung von Imre Mező und Imre Sulyok in den Jahren 1986–2005 veröffentlichte Serie II (24 Bände), die neben der endgültigen Fassung mindestens eine weitere, erheblich abweichende Fassung bot. Die Reihe der Ergänzungsbände (bisher 16 Bände, herausgegeben von Adrienne Kaczmarczyk, Imre Mező, Eszter Mikusi und Ágnes Sas; weitere Bände in Vorbereitung) wurde 2005 begonnen, um die nicht in Serie I und II enthaltenen Fassungen zu veröffentlichen.
Neben der Reihe der Ergänzungsbände erschien 2019 Band 2 der Serie IX (Vokalwerke mit Orchester oder mehreren Instrumenten), und 2022 begann die Veröffentlichung der Serie III (Werke und Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen und zwei Klaviere; bisher ein Band, weitere Bände in Arbeit) sowie der Serie VII (Werke für Klavier und Orchester; bisher ein Band, weitere Bände in Vorbereitung).
Die Bände der Neuen Liszt-Ausgabe erscheinen in blauem Leineneinband, mit einem ausführlichen Vorwort (in Serie I und II auf Englisch und Deutsch; in den übrigen Serien zusätzlich auf Ungarisch), mit einem kritischen Bericht (auf Englisch) und zahlreichen Faksimiles.
Die Bände der Serie I und II sowie die Ergänzungsbände erscheinen außerdem als graue kartonierte Ausgabe in der Reihe Works for Piano Solo, ohne kritischen Bericht. Darüber hinaus sind separate Urtext-Ausgaben von Liszts beliebtesten Klavierwerken erhältlich. Diese enthalten den Notentext der Gesamtausgabe, mit einem kurzen Vorwort (auf Englisch und Deutsch), einem kritischen Bericht (auf Englisch) und Faksimiles.
Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der Neuen Liszt-Ausgabe.
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